Nachgefragt

«BIM und Digitalisierung müssen in den Führungsetagen ankommen»

Die digitale Transformation im Schweizer Bauwesen schreitet voran – aber laut Thomas Glättli nicht überall gleich schnell. Der Co-Geschäftsführer von Bauen digital Schweiz äussert sich zur Weiterentwicklung des Swissbau Innovation Labs und wagt einen Ausblick auf die Trends der kommenden Jahre.


Swissbau: Wo steht die Bau- und Immobilienbranche in der Schweiz heute punkto Digitalisierung?
Thomas Glättli: Die Schweiz hat in den letzten fünf Jahren insgesamt grosse Fortschritte gemacht und aufgeholt gegenüber dem angelsächsischen Raum oder Skandinavien. Wir bewegen uns heute etwa auf dem Niveau der führenden europäischen Länder. Building Information Modelling (BIM) wird grundsätzlich häufiger eingesetzt, wobei sich aber deutliche Unterschiede zeigen. Während BIM im Hochbau bereits etabliert ist, kommt es im Betrieb noch weniger zum Einsatz. Der Infrastrukturbereich holt derzeit stark auf.

Wie weit sind die einzelnen Unternehmen?
Da stellen wir frappante Unterschiede fest. In vielen Firmen hat sich insbesondere die BIM-Methode etabliert und gehört zum Alltag, andere haben sich hingegen noch fast gar nicht mit digitalen Themen beschäftigt. Diese Fragmentierung ist ein Problem, wenn wir als Branche weiterkommen wollen. Das Ziel von Bauen digital Schweiz ist daher, möglichst alle Unternehmen dazu zu motivieren, sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen.

Woran hapert es denn konkret?
Digitalisierung ist in vielen Fällen mit einer gewissen Standardisierung verbunden, beispielsweise beim Informationsaustausch. Herkömmlicherweise nutzen Firmen dafür unternehmensspezifische Datenstrukturen. Diese stehen im Gegensatz zur angestrebten Interoperabilität und einem durchgängigen Informationsfluss. Aus dieser Silostruktur auszubrechen, löst teilweise Ängste aus. Dabei bietet es Chancen für alle, wenn der Informationsaustausch harmonisiert wird. Es geht dabei nicht um Firmengeheimnisse, sondern um allen zugängliche Informationen.

Wo gilt es anzusetzen, um diese Hürden zu meistern?
BIM und ganz allgemein die Digitalisierung müssen in den Führungsetagen ankommen. Oft herrscht noch die Meinung vor, diese Themen beträfen nur die Fachspezialisten. Das ist falsch. Die digitale Transformation ist Chefsache und muss zwingend auch top down gefördert werden. Dazu gehört, dass die Innovation mehr Zeit und Gewicht erhalten muss. Klar, im Vergleich etwa zum Maschinenbau hat das Bauwesen weniger hohe Margen und daher meist weniger Ressourcen für eine nachhaltige Entwicklung zur Verfügung. Nichts zu tun, kann aber nicht die Lösung sein – es braucht Leute, die sich abseits des Tagesgeschäfts um neue digitale Geschäftsmodelle des Unternehmens kümmern.

Und auf Branchenebene?
Der Fokus liegt auf einer neuen Zusammenarbeitskultur. Traditionell arbeitet das Bauwesen nach dem Wasserfallmodell: A macht seine Arbeit, dann macht B seine Arbeit, danach C usw. Das ist heute nicht mehr zeitgemäss, es braucht flexiblere Formen wie zum Beispiel die integrierte Projektabwicklung (IPD). Dafür sind jedoch auch Anpassungen bei den Regulatorien nötig. Die Honorierung zum Beispiel ist heute noch sehr strikt nach Projektphasen geregelt. Neue, digitale Prozesse bedingen jedoch, dass viele Arbeiten bereits früher ausgeführt werden müssen.

Wer ist gefordert, damit es hier vorangeht?
Ich würde mir klar mehr Engagement vonseiten der Politik wünschen. In Deutschland gibt es das Ministerium für Digitales und Verkehr. Dadurch wird etwa das Thema BIM bei unseren nördlichen Nachbarn vom Staat aktiv mitgestaltet. Hierzulande sind es am ehesten staatsnahe Betriebe wie die SBB, die mit grossem Engagement vorangehen. Bei Themen wie der Standardisierung erwarte ich aber mehr Forderung und Förderung durch den Bund.

Wie unterstützt «Bauen digital Schweiz» Unternehmen bei der Digitalisierung?
Wir sprechen über die gesamte Wertschöpfungskette und den ganzen Lebenszyklus eines Bauwerks alle Akteure an – Auftraggeber, Planer, Hersteller und Lieferanten ebenso wie Ersteller und Betreiber. Zudem wollen wir über unser Netzwerk kleine und grosse Firmen zusammenbringen und ihre jeweiligen Vorteile verknüpfen. Während grosse Unternehmen eine eigene BIM-Abteilung haben, sind kleinere dafür agiler und innovativer. Bringt man diese Qualitäten zusammen, profitieren alle. Wir bieten Plattformen, auf denen sich Spezialisten auf Fachebene austauschen und gemeinsame Projekte starten können. Auch Services wie das Use Case Management helfen, Know-how allgemein verfügbar zu machen.

Wo steht das Use Case Management heute?
Seit zwei Jahren ist das UCM Bestandteil des Serviceangebots von buildingSMART International. Seither nutzen verschiedene Chapter, also nationale Vertretungen, das Use Case Management, um Anwendungsfälle zu dokumentieren. Nebst dieser Internationalisierung geht es auch hierzulande voran: Uns erreichen immer mehr Anfragen von Unternehmen, die für interne oder externe Zwecke Use Cases beschreiben wollen. Unsere Vision ist, das Use Case Management weiterzuentwickeln und Themen wie Klassifizierung und Datenaustausch zu integrieren. Zudem wollen wir die Plattform weiter ausbauen und die Usability weiter verbessern.

Bauen digital Schweiz ist auch Main Partner des Swissbau Innovation Lab, das gerade weiterentwickelt wird. Wohin geht die Reise des Labs?
Das Innovation Lab soll zu einem Co-Creation-Hub werden, an dem sich beispielsweise an einer Messe gemeinsam etwas entwickelt lässt. Es soll noch konkreter werden, noch tiefer in die Themen eintauchen, noch mehr auf gemeinsame Ergebnisse abzielen. Dazu braucht es einen engeren Austausch unter den Ausstellern, damit nicht jeder nur für sich an seinem Stand steht. Das ist natürlich auch ein potenzieller Zielkonflikt, weil alle auch ihre Firma und deren Dienstleistungen präsentieren wollen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass heute ein Gemeinschaftsstand, an dem Besteller, Ersteller, Betreiber usw. gemeinsam ein Projekt vorstellen, auch für potenzielle Kunden spannender ist. Sie können Projekte so viel besser nachvollziehen.

Welche Aspekte stehen bei der digitalen Entwicklung in den nächsten zehn Jahren im Fokus?
Die Nachhaltigkeit im Sinne der 17 Entwicklungsziele der UNO wird das zentrale Thema sein. Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung wesentlich dazu beitragen wird, die Ziele zu erreichen. Zudem wird sie neue Geschäftsmodelle entstehen lassen – darunter auch disruptive, die vielleicht von Akteuren ausserhalb der Branche kommen. Daher ist es wichtig, dass die Innovation weitergeht und sich die Firmen wandeln. Schliesslich erwarte ich eine Weiterentwicklung bei Technologien wie dem Internet of Things, der Robotik, der Prozessautomation oder auch der Blockchain. Sie dürften sich in den kommenden Jahren durchsetzen und die «smarte» Zukunft ermöglichen, von der schon lange gesprochen wird.

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